Der Gender Gap in der Empathie

Der Gender Gap in der Empathie

(Dies ist die deutsche Version des Artikels von Warren Farrell, Übersetzung von MANNdat.)

Ein Weg zum Ende des Geschlechterkrieges?

Dies ist ein Gastbeitrag von Warren Farrell, dem Autor von „The Boy Crisis“ und „Männertrauma“. Er wurde dreimal in den Vorstand der National Organization for Women in NYC gewählt und von der Financial Times zu einem der 100 TOP Thought Leaders der Welt gewählt. Er ist unter warrenfarrell.com zu finden.

Wie oft haben Sie schon gehört, dass ältere Menschen eher an einem Coronavirus sterben? Wahrscheinlich schon Dutzende Male.

Weit weniger oft gehört: Männer sterben doppelt so oft am Coronavirus. Sabra Klein, Professorin an der Johns Hopkins‘ School of Public Health, kommt zu dem Schluss: „Männlich zu sein ist für das Coronavirus ein ebenso großer Risikofaktor wie alt zu sein.“

Unsere Lücke in der Empathie der Geschlechter ist nicht auf COVID-19 beschränkt. Beispielsweise wurde in den Medien selten darüber berichtet, dass laut CDC ein Junge und ein Mädchen im Alter von 10 Jahren ein gleich hohes Selbstmordrisiko haben, aber mit Anfang 20 die Rate bei Männern fünfmal höher ist.

Ein vielleicht unzureichend diskutierter Grund für mangelndes Einfühlungsvermögen für Männer ist, dass es ein Schutzschild ist, nicht zu viel für jemanden zu empfinden, den man vielleicht bald verliert.

Und in der Tat ist es wahrscheinlicher, dass Männer verloren gehen. Zum Beispiel werden Männer zu Selbstaufopferern. Das geht so: Jungen sehen, dass Männer, die im Krieg ihr Leben riskieren, als Ersthelfer oder als Feuerwehrmänner, als Helden gelten. Einen Mann mit dem Etikett „Held“ zu belohnen, ist für ihn eine soziale Bestechung, damit er entbehrlich wird. Einige Jahre später stellen junge Männer fest, dass sich Frauen in den „Offizier und Gentleman“ und nicht in den „Gefreiten und Pazifisten“ verlieben. Die Liebe ist blind genug, dass er vielleicht nicht erkennt, dass ihre Liebe zu ihm zum Teil von seinem Potenzial abhängt, entbehrlich zu sein.

Zu Recht sorgen sich Eltern um die Sicherheit ihrer Söhne und Töchter. Aber bei einem Sohn gibt es oft ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, ihn sicher zu wissen, und dem Wunsch, stolz darauf zu sein, dass er seinem Land gedient hat. Der Wunsch dieser Eltern nach seiner Sicherheit kann durch ihren Stolz darauf, dass er sein Leben riskiert hat, abgeschwächt werden.

Die Auswirkungen auf Männer

Soziale Bestechung ermutigt Jungen und Männer, die sich Respekt und Liebe erhoffen, auf oft riskante und stressreiche Leistungen wie etwa eine unter hohem Druck stehende und damit hochbezahlte Arbeit zu bauen. Solche Bestechungen können bald zu internen, psychologischen Bestechungen werden. Dieser Prozess gipfelt in einem männlichen Selbstwertparadoxon: Ein Junge lernt, sich selbst zu schätzen, indem er sich selbst nicht schätzt.

Hinzu kommen die neuen Richtlinien der American Psychological Association, die Männlichkeit mit empathievermindernden Begriffen wie „toxische Männlichkeit“, „männliches Privileg“ und „männlicher Anspruch“ in Verbindung bringen. Die Liberalen stimmen weitgehend zu, während die Konservativen protestieren: „Wir brauchen mehr Männlichkeit, nicht weniger.“

Was die Liberalen übersehen, ist, dass es bei den sozialen und psychologischen Bestechungen für Männer, entbehrlich zu sein, nicht in erster Linie um männliche Privilegien oder männliche Ansprüche geht, sondern vor allem um männliche Opfer.

Was Konservative übersehen, ist, dass ein Soldat, der sein Leben in der Hoffnung auf Respekt und Liebe riskiert, ein Rädchen in der Kriegsmaschinerie sein muss, ein Angestellter, der Befehle still und leise befolgt und Gefühle unterdrückt. Das erweckt den Anschein von Stärke, kann aber den Tribut verschleiern, den es seinem Selbstwertgefühl und seiner geistigen und körperlichen Gesundheit abverlangt. Männer sterben 5 Jahre früher als Frauen, 1930 waren es nur 2 Jahre.

Konservative neigen dazu, diese Toxizität zu übersehen – dass wir, um heroisch zu werden, uns selbst als menschliche Wesen eintauschen, um zu menschlichem Tun (engl.: Human doings) zu werden.

Was die Familie des Mannes anbelangt, wenn sie nur seinen Zorn sehen und nicht die Verwundbarkeit unterdrückter Gefühle hinter dem Zorn, dann werden sie vielleicht nicht empathisch, sondern ängstlich. Sie übersehen oft, dass Wut die Maske der Verletzlichkeit sein kann. Und dieser blinde Fleck verstärkt die Kluft in der Empathie zwischen den Geschlechtern. Es ist schwer, Empathie für einen körperlich stärkeren, wütenden Mann zu empfinden.

Wenn ein Schuljunge hört: „Die Zukunft ist weiblich“ und Anzeigen sieht, in denen Väter als unbeholfene Dummköpfe verspottet werden, begeistert ihn das nicht für seine Zukunft. Wenn er an der Highschool Erfolg hat, wird ihm gesagt, es sei wegen seines „männlichen Privilegs“. Wenn er keinen Erfolg hat, liegt es daran, dass er ein Verlierer ist. Wenn ein Mädchen eine Verabredung mit ihm akzeptiert und er zu schnell die Hand ausstreckt, ist er ein sexueller Belästiger. Wenn er nicht schnell genug die Hand ausstreckt, ist er ein Weichei. Wir haben wenig Einfühlungsvermögen für sexuelle Belästiger und unmotivierte Verlierer.

Ein Weg zum Ende des Geschlechterkrieges?

Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel: Wir müssen beiden Geschlechtern das verdiente Mitgefühl entgegenbringen. Wir sitzen alle im selben Familienboot. Wenn nur ein Geschlecht gewinnt, verlieren beide Geschlechter.

Ich habe dies laut auf YouTube gelesen (engl).

Dieser Artikel wurde von Marty Nemko zuerst auf Medium veröffentlicht. Neuveröffentlichung hier freundlicherweise gewährt.

Bild: AdobeStock 215775909 von emerald_media