Kinder ohne Gesichter

Kinder ohne Gesichter

Studie zur Ungleichbehandlung
von männlichen und weiblichen jugendlichen Gewaltopfern
am Beispiel der Terrorakte von Boko Haram
durch den Deutschen Bundestag

Zusammenfassung

Von Juni 2013 bis Juni 2014 ermordete die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram männliche Schüler bei verschiedenen Anschlägen auf Bildungseinrichtungen in ihrem Land.

All diese Verbrechen hat der Deutsche Bundestag lediglich stillschweigend zur Kenntnis genommen. Erst als Boko Haram im April 2014 Schulmädchen entführte, kam es zu einer Aktuellen Stunde im Bundestag, die jedoch nicht alle Gewaltverbrechen von Boko Haram, sondern in ihrem Titel lediglich die Entführung der Mädchen thematisierte.

Warum gab es erst eine Aktuelle Stunde im Deutschen Bundestag, als Mädchen Opfer der Verbrechen von Boko Haram wurden und nicht schon, als „lediglich“ Jungen den Verbrechen zum Opfer fielen? Und warum haben die Politiker selbst dann lediglich die Entführung der Mädchen in der Aktuellen Stunde konkret benannt, jedoch kein einziges der Verbrechen gegen Jungen? Von jeder Bundestagsfraktion haben wir je einen Abgeordneten ausgewählt, um uns seine unterschiedliche Reaktion auf weibliche und männliche jugendliche Gewaltopfer am Beispiel der Aktuellen Stunde zu der Entführung der Mädchen durch Boko Haram näher zu erklären.

Das Ergebnis, zu dem wir kommen, ist verblüffend: Niemand konnte darlegen, warum hier männlichen und weiblichen jugendlichen Gewaltopfern so unterschiedliche Empathie entgegengebracht wird. Obwohl die ungleiche Betrachtung von Mädchen und Jungen als Gewaltopfer eindeutig und unzweifelhaft belegt werden kann – hier lediglich die stillschweigende Zurkenntnisnahme, dort die konkrete Thematisierung im Rahmen einer „Aktuelle Stunde“ im Bundestag – wiesen stattdessen die politisch Verantwortlichen diese Kritik zurück und warfen den Anfragenden „Unterstellung“ vor.

Die Gleichstellungspolitik ist offenbar dermaßen einseitig auf Mädchen fixiert, dass sich die Empathie für Jungen bei den politisch Verantwortlichen anscheinend so verringert hat, dass eine Marginalisierung von Jungen als Gewaltopfer politisch schon als alltäglich und selbstverständlich empfunden wird. Sie ist offensichtlich schon so „normal“, dass die damit verbundene Ungleichbehandlung von Mädchen und Jungen den politisch Verantwortlichen gar nicht mehr bewusst ist. Ein Effekt, den schon Immanuel Kant als „normative Kraft des Faktischen“ bezeichnete und im 19. Jahrhundert vom Rechtswissenschaftler Georg Jelinek in seinen rechtswissenschaftlichen Arbeiten wieder aufgriff. Ein bestimmtes Handeln, also hier die Ungleichbehandlung von männlichen und weiblichen jugendlichen Gewaltopfern, wird als völlig „normal“ empfunden, weil dies alltägliche Praxis ist. Und weil alle dies tun, so empfindet man, wird es schon seine Rechtfertigung haben und wird somit aufgrund seiner Normalität als moralisch gerechtfertigt wahrgenommen. Stattdessen findet man es irritierend und aggressiv, wenn jemand diese „normale“, alltägliche Ungleichbehandlung kritisiert.

Mit der ungleichen Wahrnehmung von männlichen und weiblichen jugendlichen Gewaltopfern ist die Politik an ihrem selbstgesetzten Ziel, Jungen und Mädchen, Frauen und Männer gleichberechtigt zu berücksichtigen, erneut gescheitert.

Hinweis: Die Studie wurde im Benehmen mit den darin genannten Politikern veröffentlicht.

Der Hintergrund

Im Juni 2013 ermordete die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram 42 Jungen bei einem Anschlag auf eine Schule. Im September 2013 attackierte Boko Haram gezielt die Schlafsäle der jungen Männer im College of Agriculture in Gujiba, Nigeria und ermordete 44 von ihnen. Im Februar 2014 wurden 59 Jungen einer Internatsschule von Boko Haram-Terroristen erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt. Die Mädchen der Schule ließen die Terroristen frei. Im gleichen Monat überfiel Boko Haram das Dorf Izghe, ermordete dort über mehrere Stunden die männliche Bevölkerung, auch Jungen oder Babys. Von den 106 Toten waren 105 männlich. Eine Frau war darunter, die versucht hatte, ihren Enkel vor den Massenmördern zu schützen. Im Mai und Juni 2014 ermordete Boko Haram in verschiedenen Dörfern im Nordosten Nigerias Männer und Jungen, indem sie sie zusammen trieb und dann das Feuer auf sie eröffnete. Man geht von etwa 400 bis 500 Toten aus.

All diese Verbrechen hat der Deutsche Bundestag lediglich stillschweigend zur Kenntnis genommen. Erst als Boko Haram im April 2014 eine Schule in Chibok überfiel und 276 Mädchen entführte, kam es zu einer Aktuellen Stunde im Bundestag. Mit dem Titel „Freilassung der von Boko Haram entführten Schulmädchen in Nigeria“ thematisierte die Aktuelle Stunde jedoch nicht alle Gewaltverbrechen von Boko Haram sondern lediglich die Entführung der Mädchen.

Das Ermorden von über 700 Kindern ist nicht weniger verwerflich als das Entführen von 276 Kindern. Damit bleibt als einziger Unterschied zwischen den vom Bundestag thematisierten und nicht thematisierten Verbrechen lediglich das Geschlecht der Gewaltopfer.

Warum gab es erst eine Aktuelle Stunde in Deutschen Bundestag, als Mädchen Opfer der Verbrechen von Boko Haram wurden und nicht schon, als „lediglich“ Jungen den Verbrechen zum Opfer fielen? Und warum haben die Politiker selbst dann lediglich die Entführung der Mädchen in der Aktuellen Stunde konkret benannt, jedoch kein einziges der Verbrechen gegen Jungen? Von jeder Bundestagsfraktion haben wir nachfolgend je einen Abgeordneten ausgewählt, die unsere Kritik an der unterschiedlichen Behandlung von weiblichen und männlichen jugendlichen Gewaltopfern in der Aktuellen Stunde näher darlegen soll.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag Sabine Weiss echauffierte sich:

„Das Verbrechen der Entführung von mehr als 200 nigerianischen Mädchen ist so ungeheuerlich, dass es sprachlos macht, sprachlos vor der Menschenverachtung der Täter von Boko Haram, sprachlos vor der Grausamkeit, Kinder für ihre Ziele zu instrumentalisieren“

Frau Weiss ging in ihrer Rede nicht konkret auf die Gewaltverbrechen an den Schuljungen ein.

Kathrin Vogler (DIE LINKE) meinte:

„Durch diese Entführung haben die gewaltsamen Konflikte in Nigeria erstmals große internationale Aufmerksamkeit erhalten; sie haben sozusagen 200 Gesichter bekommen. Wir können uns einfühlen in die Angst dieser Jugendlichen, in die Verzweiflung ihrer Eltern oder in die Wut all der Menschen in Nigeria“.

Die internationale Presse hat aber, wie wir noch zeigen werden, auch schon die Gewaltverbrechen an den Schuljungen zur Kenntnis genommen. Frau Vogler ging auf diese Verbrechen jedoch ebenfalls nicht konkret ein.

Cem Özdemir von Bündnis 90/Die Grünen betonte:

„Für die Geiselnahme von Hunderten Schülerinnen gibt es keine Rechtfertigung in der Religion.“

Zweifellos gibt es aber auch für die Ermordung von Hunderten von Schülern keine Rechtfertigung. Diese Verbrechen hat Herr Özdemir nicht konkret erwähnt.

Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Edelgard Bulmahn von der SPD, meinte:

„Die Entführung von über 270 Mädchen aus einer Schule in Chibok im Norden Nigerias ist aber auch eine Tat, die ein gezieltes Statement gegen die Bildung und damit auch gegen bessere Lebenschancen von Mädchen und jungen Frauen sein soll.“

Zwar erwähnte Frau Bulmahn in ihrer Rede auch, Boko Haram würde schon seit Jahren „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ begehen. Die ermordeten Schuljungen hat Frau Bulmahn jedoch nicht konkret genannt.

Anfrage an die politisch Verantwortlichen

MANNdat fragte deshalb am 16. Juli 2014 bei den o.g. Politikern konkret an, warum sie die Gewaltverbrechen gemessen an den Gewaltopfern geschlechterspezifisch einseitig darstellen.

Die Antwort im Namen von Herrn Özdemir erreichte uns per Mail am 12. August 2014:

„Im Namen von Herrn Özdemir danke ich Ihnen für Ihr Schreiben.

Die Gewaltverbrechen der Gruppe Boko Haram, genauso wie ihre anderen kriminellen Aktivitäten, müssen im Fokus der außenpolitischen Debatte in Deutschland einen Raum finden. Dies geschah in einer aktuellen Stunde im Mai dieses Jahres.

Wie Sie in dem Redebeitrag von Cem Özdemir in der bei Ihnen genannten aktuellen Stunde hier nachlesen können, redet er über die Wurzeln der Terrorgruppe Boko Haram, über ihre Gräueltaten die die gesamte Region terrorisieren, und die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern, Jungen und Mädchen.

http://www.oezdemir.de/detailseite/items/entfuehrte-schulmaedchen-in-nigeria.html

Die Aktuelle Stunde dient dazu, einen Fokus auf die Gesamtsituation in Nigeria zu lenken. Eine Unterstellung, dass einzelne Opfer der Boko Haram auf Grund ihres Geschlechts unter den Tisch fallen gelassen wurden, lehnen wir ab. Eine Fokussierung auf eine Gruppe von Opfern, männlich oder weiblich, ist in dem Zusammenhang nicht produktiv und lenkt von dem Ziel, der Boko Haram ihren Nährboden zu nehmen, ab.“

Die Antwort im Auftrag von Frau Sabine Weiß erreichte uns per Mail am 05. August 2014:

„Vielen Dank für Ihr Schreiben an Frau Weiss, in deren Auftrag ich Ihnen antworten möchte.

Anlass der Aktuellen Stunde war die Entführung der Schulmädchen durch Boko Haram und deshalb hat sich Frau Weiss in ihrer kurzen Rede auch auf dieses Verbrechen konzentriert. Dass dazu eine Aktuelle Stunde im Deutschen Bundestag stattgefunden hat, erklärt sich durch die bis dato Einmaligkeit dieses Entführungsfalls, was auch zu der ebenfalls v.a. darauf ausgerichteten intensiven Medienberichterstattung geführt hat. In keinster Weise sollten durch die Rede von Frau Weiss Verbrechen an Jungen klein geredet werden. Jeder Mord ist einer zu viel und verdient es, genauso verurteilt zu werden.“

Eine Nachfrage, ob wir dies so verstehen können, dass die Verbrechen gegen Jungen zwar bekannt waren, aber bewusst nicht genannt wurde, wurde im Namen von Frau Weiss wie folgt beantwortet:

„Ich glaube, hinreichend deutlich gemacht zu haben, dass Frau Weiss Gewaltverbrechen an Jungen nicht bagatellisiert. In der Einschätzung, dass Gewaltverbrechen an Jungen und Mädchen gleich schrecklich und zu verurteilen sind, ist sie sich mit Ihnen einig. Frau Weiss ist gerne bereit, mit Ihnen im Gespräch zu bleiben, aber bitte nicht in dem Ton und der Grundhaltung unbegründeter Unterstellungen Ihrer beiden Schreiben.“

Die Antwort von Frau Edelgard Bulmahn erreichte uns mit Brief vom 2. September 2014

„Besten Dank für Ihr Schreiben, in dem Sie sich auf meine Rede in der Aktuellen Stunde im Deutschen Bundestag vom 21. Mai 2014 anlässlich des Terrors der Gruppierung Boko Haram im Norden Nigerias beziehen. Den protokollierten Wortlaut meiner Rede lege ich diesem Schreiben bei.

Wer diese Rede aufmerksam liest, wird unschwer erkennen, dass der von Boko Haram verübte Terror insgesamt verurteilt wird – ganz gleich, gegen wen sich die Gewalttaten richten, ob männlich oder weiblich, jung oder alt, christlich oder muslimisch. Vor diesem Hintergrund sind Ihre Ausführungen und Unterstellungen nicht nachvollziehbar.“

Frau Kathrin Vogler war zu einer Antwort nicht bereit. 

Kritische Betrachtung der Reden und Antworten
der politisch Verantwortlichen

Unterstellungen?
Was auffällt, ist, dass alle drei Politiker, die geantwortet haben, sich über eine „Unterstellung“ unsererseits beklagen. Dabei ist die Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen als Gewaltopfer eine eindeutig belegbare Tatsache. Das Entführen der Mädchen wurde in einer Aktuellen Stunde im Bundestag öffentlich thematisiert, kritisiert und skandalisiert, während das Ermorden der Schuljungen lediglich stillschweigend zur Kenntnis genommen wurde. Diese Wahrnehmung der Politiker ist aber durchaus wichtig, wenn man wissen möchte, warum die Politiker die Gewaltverbrechen abhängig von Geschlecht der Gewaltopfer so unterschiedlich wahrnehmen. Wir werden deshalb darauf nochmals zurückkommen.

Informationen aus den Äußerungen der politisch Verantwortlichen
In der Antwort von Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) heißt es: „Die Aktuelle Stunde dient dazu, einen Fokus auf die Gesamtsituation in Nigeria zu lenken.“ Ein Blick auf den Titel der Aktuellen Stunde des Bundestages „Freilassung der von Boko Haram entführten Schulmädchen in Nigeria“ zeigt allerdings, dass eindeutig die Mädchenentführung im Fokus stand.

Weiterhin heißt es in der Antwort im Auftrag von Herrn Özdemir: „Eine Unterstellung, dass einzelne Opfer der Boko Haram auf Grund ihres Geschlechts unter den Tisch fallen gelassen wurde, lehnen wir ab.“ Liest man Herrn Özdemirs Rede, ist jedoch leicht festzustellen, dass er die konkreten und Gewaltverbrechen an Jungen in seiner Rede nicht benannt hat. Zudem wird die Rede des Grünen-Abgeordneten auf der von der in der Antwortmail zitierten URL explizit mit „Entführte Schulmädchen in Nigeria – Cems Rede im Bundestag“ betitelt.

Der Aussage in der Antwortmail „Eine Fokussierung auf eine Gruppe von Opfern, männlich oder weiblich, ist in dem Zusammenhang nicht produktiv und lenkt von dem Ziel, der Boko Haram ihren Nährboden zu nehmen, ab.“ stimmen wir voll und ganz zu. Dies war ja auch die Motivation unserer Beschwerde. Aber genau das können wir bei der Rede von Herrn Özdemir gerade nicht erkennen. Von einer Gleichbehandlung von weiblichen und männlichen Gewaltopfern kann also nicht die Rede sein.

Auch Herrn Özdemirs Antwort gibt uns also keine befriedigende Erklärung, weshalb der Deutsche Bundestag weibliche, jugendliche Gewaltofer in einer Aktuellen Stunde öffentlich thematisiert und skandalisiert, die männlichen, jugendlichen Gewaltopfer jedoch nur stillschweigend zur Kenntnis nimmt.

Sabine Weiss (CDU/CSU) betont: „Anlass der Aktuellen Stunde war die Entführung der Schulmädchen durch Boko Haram.“ Aber genau dies war ja unser Kritikpunkt. Die Antwort geht an der Frage, weshalb es nicht schon eine Aktuelle Stunde im Bundestag bei den Verbrechen gegen Jungen gegeben hat, vorbei.

Frau Weiss erklärt die ungleiche Reaktion des Bundestages auf die Verbrechen einerseits an den Jungen, andererseits an den Mädchen mit der „bis dato Einmaligkeit dieses Entführungsfalls, was auch zu der ebenfalls v.a. darauf ausgerichteten intensiven Medienberichterstattung geführt hat“.

Das gezielte Ermorden von Schuljungen als Terrorakt ist aber ebenso außergewöhnlich und kann die Ungleichbehandlung der Verbrechen nicht befriedigend erklären.

Die Betrachtung des Einflusses der Medien auf die Politik ist dagegen etwas komplexer. Die Beziehungen von Medien und Politik zu analysieren würde hier den Rahmen sprengen. Darüber gibt es genügend Literatur. Wir möchten hier nur den Medienkenner Günther von Lojewski, selber viele Jahrzehnte in entscheidenden Medienpositionen tätig, zitieren: „Diktieren wir etwa nicht der Politik die Agenda? Kommt uns etwa nicht über die veröffentlichte Meinung die Meinungsführerschaft im Lande zu?“ Er befürchtet, Politik würde zusehends zu einem „Wettbewerb um die veröffentlichte Meinung“ verkommen.[1]

Tatsächlich war die Medienresonanz zumindest in der deutschen Presse bei der Mädchenentführung deutlich stärker als beim Verbrennen der Schuljungen. Prominente aus Film, Funk und Fernsehen präsentierten kleine Plakate in die Kameras „Bring back our girls!“ Ein Plakat mit „Stop killing our boys“ hat niemand in die Kamera gehalten.

Ist also die Ungleichbehandlung weiblicher und männlicher jugendlicher Gewaltopfer im Deutschen Bundestag das Ergebnis von Medienmanipulation?

Das ist unwahrscheinlich. Zweifellos existiert eine wechselseitige Beziehung zwischen Medien und Politik. Die Politik nutzt die Presse – die nationale ebenso wie die internationale – als Indikator für die mutmaßliche öffentliche Meinung und als Erkenntnisquelle für weltweite Ereignisse. Zudem versucht die Politik natürlich auch, die öffentliche Meinung über die Presse in eine für sie gewogene Richtung zu lenken. Sie ist aber durchaus bestrebt und achtet auch darauf, ihre Autonomie zu wahren.

Deshalb kann auch die Medienberichterstattung die Ungleichbehandlung weiblicher und männlicher jugendlicher Gewaltopfer durch die Abgeordneten nicht erklären, denn

  1. Die Politik ist autonom genug um auch bei einer medial einseitigen Berichterstattung neben den weiblichen auch die männlichen Gewaltopfer konkret zu nennen, wenn sie dies will.
  1. Die Gewaltverbrechen gegen Jungen wurden durchaus auch in der internationalen Presse thematisiert. Beispiele:
  • The Australian vom 7.7.2013: „Nigeria school attack claims 42 lives.”
  • Adamu Adamu; Michelle Fau – The Associated Press vom 29.9.2013: “Boko Haram blamed after attack on Nigerian College leaves as many as 50 dead.”
  • Reuters vom 25.2.2014: Nigerian Islamists kill 59 pupils in boarding school attack”
  • BBC News vom 19.2.2014: “Nigeria´s Boko Haram village raids kill hundreds in Nigeria.”
  • CNN Reports vom 5.6.2014: “Boko Haram village raids kill hundreds in Nigeria.”
  1. Die Abgeordneten haben die Möglichkeit, eigene Pressemeldungen über die Gewaltverbrechen an den Schuljungen zu veröffentlichen oder in der einschlägigen Presse zu lancieren.

Wir stimmen mit dem Schlusssatz aus der Antwort von Frau Weiss überein: „Jeder Mord ist einer zu viel und verdient es, genauso verurteilt zu werden.“ Aber genau das ist aus unserer Sicht nicht geschehen, weder in der Rede von Frau Weiss, noch in der Aktuellen Stunde im Bundestag insgesamt.

Auch Frau Weiss kann uns also nicht befriedigend erklären, weshalb der Deutsche Bundestag weibliche jugendliche Gewaltofer in einer Aktuellen Stunde öffentlich kritisiert, thematisiert und skandalisiert, die männlichen jugendlichen Gewaltopfer jedoch nur stillschweigend zur Kenntnis nimmt.

Einseitige Wahrnehmung der Verbrechen als Gewaltakt gegen Mädchen und Frauen
Wer Gewaltakte nur gegen Mädchen konkret benennt, andererseits aber Gewaltverbrechen, die im selben Land durch dieselbe Terrorgruppe speziell gegen Jungen begangen wurden, nicht ebenso konkret benennt, suggeriert beim unbedarften Leser, Boko Haram würde vorrangig oder gar ausschließlich Gewalt gegen Mädchen und Frauen verüben. Damit wird aus einem Gewaltverbrechen gegen Mädchen UND Jungen ein rein mädchen- und frauenfeindlicher Gewaltakt und damit natürlich besonders frauenpolitisch brisant.

In keiner anderen Rede im Deutschen Bundestag wird dies u.E. so deutlich wie in der Rede von Frau Edelgard Bulmahn (SPD). Frau Bulmahn meint zwar in Ihrer Antwort auf unsere Anfrage, dass in ihrer Rede „der von Boko Haram verübte Terror insgesamt verurteilt wird – ganz gleich, gegen wen sich die Gewalttaten richten, ob männlich oder weiblich, jung oder alt, christlich oder muslimisch.“ Tatsächlich legt Frau Bulmahn aber in ihrer Rede explizit dar, dass nach ihrer Ansicht die Entführung der Mädchen ein gezieltes Statement gegen Bildung und bessere Lebensperspektiven für Mädchen sei. Hier fokussiert Frau Bulmahn eindeutig auf die speziellen Verbrechen gegen Mädchen, auch wenn sie später auch nochmals von früheren „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ redet. Berücksichtigt man dagegen auch die Verbrechen speziell gegen die Jungen, stellt man fest, dass Boko Haram nicht gegen Bildung von Mädchen, sondern gezielt gegen Bildungseinrichtungen und Jugendliche, die diese Bildungseinrichtungen nutzen – Jungen ebenso wie Mädchen – gerichtet sind. Die Boko Haram-Aktionen sind also gezielte und brutale Angriffe auf die Bildungsinfrastruktur des Landes und des Bildungsnachwuchses. Der einzige geschlechterspezifische Unterschied bei diesen Aktionen besteht darin, dass Mädchen vorrangig entführt und Jungen vorrangig ermordet werden.

Von Frau Bulmahn als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages haben wir uns erhofft, mehr über die Hintergründe zu erfahren, warum der Deutsche Bundestag nicht auch schon eine Aktuelle Stunde durchgeführt hat, als Schuljungen die Gewaltopfer waren. Diese Kernfrage bleibt aber auch nach der Antwort von Bulmahn im Verborgenen.

Der Schlüssel zur Ungleichbehandlung männlicher und weiblicher Gewaltopfer
Frau Vogler (DIE LINKE)
hat uns als einzige der angeschrieben Politikern nicht geantwortet. Aber ihre Ausführungen in der Aktuellen Stunde sind in unseren Augen der Schlüssel für das Verständnis der Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen als Gewaltopfer. Schauen wir nochmals auf ihre Aussage:

„Durch diese Entführung haben die gewaltsamen Konflikte in Nigeria erstmals große internationale Aufmerksamkeit erhalten; sie haben sozusagen 200 Gesichter bekommen“.

Hier haben wir den entscheidenden Unterschied. Die Gewaltverbrechen an Jungen wurden durchaus wahrgenommen. Wie schon bei unseren Anmerkungen zu den Ausführungen von Frau Weiß dargelegt, gab es zudem durchaus auch internationale Pressemeldungen zu den Gewaltverbrechen an den Schuljungen. Aber die Opfer hatten für die politisch Verantwortlichen und die Presse „kein Gesicht“. Ein Gesicht haben die Gewaltopfer von Boko Haram erst erhalten als Mädchen Gewaltopfer wurden. Was ist unter dieser Metapher zu verstehen?

Natürlich hatten auch die ermordeten Jungen ein Gesicht. Natürlich stehen hinter jedem ermordeten Jungen Angehörige, die um ihn trauern. „Ein Gesicht geben“ oder „ein Gesicht bekommen“ bedeutet, eine intensivere, eine personifizierte Wahrnehmung. Das bedeutet, die politisch Verantwortlichen, ebenso wie die Presse und die Gesellschaft, haben die weiblichen jugendlichen Gewaltopfer ganz anders wahrgenommen als die männlichen jugendlichen Gewaltopfer. Die entführten Mädchen wurden als Individuen wahrgenommen, mit denen man sich solidarisieren kann. Die ermordeten Jungen wurden nur als anonyme Masse wahrgenommen. Anders ausgedrückt: Die politisch Verantwortlichen haben für Jungen als Gewaltopfer eine geringere Empathie als für Mädchen.

Um das zu prüfen, machen wir ein Gedankenexperiment. Stellen wir vor, der Sachverhalt wäre umgekehrt. Im Juni 2013 hätte Boko Haram bei einem Anschlag auf eine Schule nicht 42 Jungen sondern 42 Mädchen ermordet. Und im September 2013 wären im College of Agriculture in Gujiba 44 junge Frauen anstatt 44 junger Männer ermordet worden. Im Februar 2014 wären 59 Mädchen anstelle 59 Jungen in einer Internatsschule von Boko Haram-Terroristen erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt worden, während man die Jungen anstatt der Mädchen freigelassen hätte. Im gleichen Monat hätte Boko Haram das Dorf Izghe überfallen, und dort 105 Mädchen und Frauen ermordet anstatt 105 Männer und Jungen. Im Mai und Juni 2014 hätte Boko Haram in verschiedenen Dörfern im Nordosten Nigerias etwa 400 bis 500 Frauen und Mädchen zusammengetrieben und dann erschossen und nicht 400 bis 500 Jungen und Männer.

Ist es vorstellbar, dass die politisch Verantwortlichen des Deutschen Bundestages diese Verbrechen lediglich stillschweigend zur Kenntnis genommen und die Verbrechen von Boko Haram erst dann thematisiert, wenn 276 Schuljungen entführt worden wären und sich auch dann konkret nur auf diese Entführung dieser Schuljungen bezogen hätte, während man die Ermordung der Frauen und Mädchen nicht ein einziges Mal konkret benannt hätte? Nein, das ist es nicht. Und hätten die Politiker Kritik an einer solch einseitig Mädchen und Frauen benachteiligenden Vorgehensweise als „Unterstellung“ bewertet? Auch dies sicher nicht.

Durch diese unterschiedliche Wahrnehmung wird auch verständlich, warum alle Abgeordneten, Frau Weiss, Herr Özdemir, Frau Bulmahn und Frau Vogler in ihren Reden nur das Entführen der Mädchen als konkretes Verbrechen nennen, während sie die ermordeten Jungen lediglich pauschalisiert in den Gesamtgewaltopfern subsummiert mit einfließen lassen und nicht einen einzigen konkreten Terrorakt nennen, der gezielt gegen Jungen – durchgeführt wurde.

Gleichzeitig beklagen die von uns angeschriebenen Politiker sich über eine angebliche Unterstellung, obwohl die Ungleichbehandlung von männlichen und weiblichen jugendlichen Gewaltopfern, wie oben beschrieben, ein eindeutig belegbares Faktum darstellt. Da sich die Politiker darüber beklagen, dass wir ihnen eine solche Ungleichbehandlung zum Vorwurf machen, lässt dies vermuten, dass sie sich dieser Ungleichbehandlung gar nicht bewusst sind. Das lässt wiederrum vermuten, dass die geringere Empathie gegenüber Jungen anscheinend so selbstverständlich ist und mittlerweile zum politischen Alltag gehört, dass diese Ungleichbehandlung von den Verantwortlichen gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird.

Wenn diese Empathie abhängig von Geschlecht der Jugendlichen tatsächlich so „normal“ wäre, dass sie den Politikern gar nicht mehr richtig bewusst wird, wie wir dies schließen, dürfte zudem die Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen kein Einzelfall sein und müsste in anderen Themenfeldern ebenso wahrgenommen werden können. Gibt es andere Beispiele?

Es gibt sie zuhauf. Zum Beispiel in der geschlechterspezifischen Jugendförderung. Auf kommunaler Ebene existiert bis heute ein ausgeprägtes Defizit von Jungenförderprojekten im Vergleich zu Mädchenförderprojekten. Als Beispiel kann man hier Mannheim nennen, das eine Vielzahl renommierter Mädchenfördereinrichtungen unterhält, wie z.B. die bundesweite Mädchenwerkstatt oder eine Fachstelle für Mädcheninteressen. Auch nur annähernd ähnliche Aktivitäten um die berechtigten Anliegen und Belange von Jungen zu berücksichtigen, gibt es nahezu nicht.

Thema Bildung: Obwohl Jungen heute schlechtere Bildungsabschlüsse haben, stehen gut 100 staatlich unterstützten oder initiierten Mädchenbildungsförderprojekten lediglich drei staatlich unterstützte Jungenleseförderprojekte zur Seite, davon nur ein einziges – ein Flyer aus Sachen für Eltern und Lehrer– initiiert von der Bildungspolitik. Die Konsequenz davon ist, dass die geschlechterspezifischen Kompetenzunterschiede zuungunsten der Mädchen in den MINT-Bereichen (MINT = Mathematik, Informationstechnologie, Naturwissenschaften, Technik) abnehmen, während die ohnehin schon deutlich stärker ausgeprägten geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede zuungunsten der Jungen weiter zunehmen.

Obwohl männliche Migrantenjugendliche die größten Bildungs- und Integrationsprobleme in Deutschland haben, hat 2004 die Bundesregierung im Situationsbericht „Viele Welten leben“ ausschließlich die Situation weiblicher Migrantenjugendlicher betrachtet. Einen ähnlichen Bericht zur Situation männlicher Migrantenjugendlicher gibt es bis heute nicht.

Selbst bei dem Zukunftstag zum Vorstellen geschlechteruntypischer Berufsbereiche hat die Politik ganze zehn Jahre gebraucht, bis sie bereit war, Jungen eine gleichberechtigte Teilhabe zu gewähren.

Aber auch in der Entwicklungspolitik direkt gibt es solche Beispiele. Anlässlich des Weltkindertages am 1. Juni 2007 rief UNICEF mit Unterstützung der Politik in seinem Jahresbericht „Zur Situation der Kinder in der Welt 2007“ auf, Mädchen vor Benachteiligung, Diskriminierung und Gewalt zu schützen (UNICEF – Brief 1/2007). Für Jungen stellte man diese Forderung nicht.

Das sind nur einige wenige Beispiele von Ungleichbehandlungen von Jungen gegenüber Mädchen durch die Politik. Weitere kann man unserer Homepage www.manndat.de entnehmen.

Was die Politik ursprünglich als „positive Diskriminierung“ rechtfertigte, nämlich die Benachteiligung von Jungen aus Gründen der Mädchenförderung billigend in Kauf zu nehmen, ist schon seit langem nicht mehr gerechtfertigt, da seit vielen Jahren die Jungen und männlichen Jugendlichen die schlechteren Bildungsabschlüsse, die höheren Schulabbrecherquoten und die höhere Jugendarbeitslosenquote haben. Trotzdem besteht auch heute noch geschlechterspezifische Jugendpolitik nahezu ausschließlich aus Mädchenförderung. Man macht etwas Spezielles für Mädchen, lässt Jungen einfach weg und glaubt, damit das Thema Geschlecht abschließend behandelt zu haben. Die Ungleichbehandlung von Jungen als Gewaltopfer von Boko Haram ist deshalb keine Ausnahme, kein Sonderfall, sondern politische und gesellschaftliche Normalität. Das Marginalisieren und Benachteiligen von Jungen ist schon so selbstverständlich, dass dies den Verantwortlichen gar nicht mehr bewusst wird. Denn, so kommen wir zum Ergebnis, Mädchen sind für die politisch Verantwortlichen Kinder „mit Gesichtern“ und Jungen sind für die politisch Verantwortlichen

Kinder „ohne Gesichter“.

Quellenangaben

[1] Günther von Lojewski: Macht ohne Mandat. Neun Hauptsätze zum Journalismus, epd medien Nr. 20 vom 18. Mai 2012, S. 35ff.

Bild: AdobeStock 265131626 von Hanna